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Wiedergeburt
eines verloren geglaubten Klangideals
Liederabend von Janny Zomer in Amsterdam
Kritik von Dr. Kevin Clarke
http://magazin.klassik.com
Der Monat
Juni ist in Amsterdam – zwischen Sommergewittern
und Siedehitze – kulturell gesehen vor allem
'Holland Festival Zeit’. Eine der schönsten
neuen Locations des Festivals ist die riesige Westergasfabriek,
ein altes Backsteingebäude im westlichen Zentrum
der Stadt, wo in den historischen Räumen derzeit
modernes Tanztheater und viel moderne Oper zu sehen
ist, u.a. Jonathan Harvey 'Wagner’s Dream’.
Als Alternativprogramm zu soviel Avantgarde veranstaltete
die ebenfalls in der Westergasfabriek ansässige
'De Kunstfabriek’ in ihren ebenfalls historischen
Räumen ein Konzert, das ganz bewusst romantisches
Repertoire bot: einen Lieder- und Arienabend mit
der Sopranistin Janny Zomer und Titeln von Berlioz,
Strauss, Mahler, Wagner, Mascagni und Kurt Weill.
Dass auch dafür ein
dankbares Publikum vorhanden ist, erkannte man
an dem übervollen Zuschauerraum. Der sich
im Vergleich zu einem normalen Konzertsaal auffallend
bunt präsentierte, da an den hohen Fabrikwänden
die frechen Ölgemälde des Kunst-Unternehmens
hingen – pop-artig recycelte Rembrandts
und holländische Kühe. Und dazwischen:
die Diva und ihr (ausgezeichneter) Pianist Wilko
Jordens.
Auf der Suche nach der
verlorenen Zeit
Janny Zomer – in Holland vor allem bekannt,
seit sie 2006 bei De Nederlandse Opera erfolgreich
die Santuzza sang und bei der Nationalen Reisopera
die Hauptrollen in 'Le Villi’ und 'The Turn
of the Screw’ (klassik.com berichtete) –
ist eine ungewöhnliche Primadonna. Denn sie
hat eine Stimme, wie sie heute selten zu hören
ist: auffallen warm und extrem weiblich, mit einem
altmodischen Portamento-Gebrauch und einem Hauch
Pathos im Vortrag. Ich persönlich muss dabei
sofort an die große Tiana Lemnitz denken,
die Wagner- und Strauss-Heroine der 1940er Jahre.
Und es freut mich ungemein, endlich jemanden live
erleben zu dürfen, der wieder so singt.
So war denn auch der Höhepunkt
des Abends (für mich) ein Wagner-Titel. Nach
den Wesendonk Liedern und 'Gretchen am Spinnrad’
sang Zomer als 'Extra’ und quasi als Preview
'Du bist der Lenz’ – denn sie wird
im Juli in Bangkok ihre erste Sieglinde interpretieren.
Die tiefe Tessitura und ihr warmer, beseelt-inniger
Klang passten gut zusammen, und auch die größere
Operngeste lag Zomer deutlich mehr, als das intime,
zurückgenommene Liedrepertoire. Gleichwohl
sie ein berückend schönes 'Spectre de
la rose’ am Anfang des Abends sang und ein
sinnliches 'Wie lange noch?' von Kurt Weill. Am
Ende des Konzerts stand dagegen, als bewusste
Verweisung auf ihren Triumph mit 'Cavalleria rusticana’,
die Arie der Santuzza, 'Voi lo sapete’.
Auch dort die großen Melodiebögen,
die ihrer sich betörend verströmenden
Stimme entgegenkommen, die leidenschaftliche Hingabe
an die Rolle, an die Situation, die Zomer meisterhaft
schaffte.
Octavian und Cherubin
Was daran (wiederum für mich) so besonders
anrührend ist, ist die Tatsache, dass Janny
Zomer als Erscheinung auf dem Podium eine überaus
anmutige, aber gleichzeitig schelmische Persönlichkeit
ist. Weswegen man sie sich leicht als Octavian
vorstellen kann, als Cherubino oder als Komponist
(die Lemnitz-Glanzpartien also). Manchmal geht
allerdings das dramatische Temperament mit Zomer
etwas durch, was einerseits sympathisch ist, denn
sie kommuniziert dabei gut mir dem Publikum, andererseits
aber gefährlich für die Stimme.
In jedem Fall war das von
auffallend vielen Vertretern der niederländischen
Presse besuchte Konzert in der Kunstfabriek ein
Erfolg, der die Räumlichkeiten als attraktiven
Konzertsaal mit modernem 'Touch’ für
die Zukunft empfiehlt. Denn das Holland Festival
nutzt die Westergasfabriek nur im Juni. Es ist
aber schade, die Räume den Rest des Jahres
mehr oder weniger unbenutzt stehen zu lassen.
In diesem Sinn bleibt zu hoffen, dass diese alternative
Konzertreihe mit Kunst und Musik bald weitergeht.
Und: Wer Janny Zomer nicht nach Bangkok nachreisen
will, hat nächste Woche Gelegenheit, sie
in Den Haag mit Rossinis 'Petit Messe Solonelle’
zu erleben, im Rahmen des Festival Classique Den
Haag (mit dem Slogan '3 dagen, 20 podia, 150 concerten’)
– wo übrigens auch Jessye Norman auftreten
wird.
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