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  Recital in the Holland Festival


Amsterdam > Westergasfabriek - 07.06.2007
Alternativprogramm zum Holland Festival > Neue Konzertreihe in der Westergasfabriek
Wiedergeburt eines verloren geglaubten Klangideals
Liederabend von Janny Zomer in Amsterdam

Kritik von Dr. Kevin Clarke
http://magazin.klassik.com

Der Monat Juni ist in Amsterdam – zwischen Sommergewittern und Siedehitze – kulturell gesehen vor allem 'Holland Festival Zeit’. Eine der schönsten neuen Locations des Festivals ist die riesige Westergasfabriek, ein altes Backsteingebäude im westlichen Zentrum der Stadt, wo in den historischen Räumen derzeit modernes Tanztheater und viel moderne Oper zu sehen ist, u.a. Jonathan Harvey 'Wagner’s Dream’. Als Alternativprogramm zu soviel Avantgarde veranstaltete die ebenfalls in der Westergasfabriek ansässige 'De Kunstfabriek’ in ihren ebenfalls historischen Räumen ein Konzert, das ganz bewusst romantisches Repertoire bot: einen Lieder- und Arienabend mit der Sopranistin Janny Zomer und Titeln von Berlioz, Strauss, Mahler, Wagner, Mascagni und Kurt Weill.

Dass auch dafür ein dankbares Publikum vorhanden ist, erkannte man an dem übervollen Zuschauerraum. Der sich im Vergleich zu einem normalen Konzertsaal auffallend bunt präsentierte, da an den hohen Fabrikwänden die frechen Ölgemälde des Kunst-Unternehmens hingen – pop-artig recycelte Rembrandts und holländische Kühe. Und dazwischen: die Diva und ihr (ausgezeichneter) Pianist Wilko Jordens.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Janny Zomer – in Holland vor allem bekannt, seit sie 2006 bei De Nederlandse Opera erfolgreich die Santuzza sang und bei der Nationalen Reisopera die Hauptrollen in 'Le Villi’ und 'The Turn of the Screw’ (klassik.com berichtete) – ist eine ungewöhnliche Primadonna. Denn sie hat eine Stimme, wie sie heute selten zu hören ist: auffallen warm und extrem weiblich, mit einem altmodischen Portamento-Gebrauch und einem Hauch Pathos im Vortrag. Ich persönlich muss dabei sofort an die große Tiana Lemnitz denken, die Wagner- und Strauss-Heroine der 1940er Jahre. Und es freut mich ungemein, endlich jemanden live erleben zu dürfen, der wieder so singt.

So war denn auch der Höhepunkt des Abends (für mich) ein Wagner-Titel. Nach den Wesendonk Liedern und 'Gretchen am Spinnrad’ sang Zomer als 'Extra’ und quasi als Preview 'Du bist der Lenz’ – denn sie wird im Juli in Bangkok ihre erste Sieglinde interpretieren. Die tiefe Tessitura und ihr warmer, beseelt-inniger Klang passten gut zusammen, und auch die größere Operngeste lag Zomer deutlich mehr, als das intime, zurückgenommene Liedrepertoire. Gleichwohl sie ein berückend schönes 'Spectre de la rose’ am Anfang des Abends sang und ein sinnliches 'Wie lange noch?' von Kurt Weill. Am Ende des Konzerts stand dagegen, als bewusste Verweisung auf ihren Triumph mit 'Cavalleria rusticana’, die Arie der Santuzza, 'Voi lo sapete’. Auch dort die großen Melodiebögen, die ihrer sich betörend verströmenden Stimme entgegenkommen, die leidenschaftliche Hingabe an die Rolle, an die Situation, die Zomer meisterhaft schaffte.

Octavian und Cherubin

Was daran (wiederum für mich) so besonders anrührend ist, ist die Tatsache, dass Janny Zomer als Erscheinung auf dem Podium eine überaus anmutige, aber gleichzeitig schelmische Persönlichkeit ist. Weswegen man sie sich leicht als Octavian vorstellen kann, als Cherubino oder als Komponist (die Lemnitz-Glanzpartien also). Manchmal geht allerdings das dramatische Temperament mit Zomer etwas durch, was einerseits sympathisch ist, denn sie kommuniziert dabei gut mir dem Publikum, andererseits aber gefährlich für die Stimme.

In jedem Fall war das von auffallend vielen Vertretern der niederländischen Presse besuchte Konzert in der Kunstfabriek ein Erfolg, der die Räumlichkeiten als attraktiven Konzertsaal mit modernem 'Touch’ für die Zukunft empfiehlt. Denn das Holland Festival nutzt die Westergasfabriek nur im Juni. Es ist aber schade, die Räume den Rest des Jahres mehr oder weniger unbenutzt stehen zu lassen. In diesem Sinn bleibt zu hoffen, dass diese alternative Konzertreihe mit Kunst und Musik bald weitergeht. Und: Wer Janny Zomer nicht nach Bangkok nachreisen will, hat nächste Woche Gelegenheit, sie in Den Haag mit Rossinis 'Petit Messe Solonelle’ zu erleben, im Rahmen des Festival Classique Den Haag (mit dem Slogan '3 dagen, 20 podia, 150 concerten’) – wo übrigens auch Jessye Norman auftreten wird.


 
 
 
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